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Leitartikel: Der blinde Fleck der Klimajugend

Von Beat Gygi.*

Beat Gygi.

Die kleine Schweiz kann die Welt nicht retten.

Die Klimajugend will sich mitten in den Corona-Wirren wieder ins Gespräch bringen – die warme Jahreszeit ist in Sicht und damit Gelegenheiten für Debatten über Hitze, Trockenheit und Gletscherschwund. Hinzu kommt der Abstimmungskampf zum Referendum über das C02-Gesetz. Soeben hat die Organisation Climatestrike Switzerland ihren Klimaaktionsplan vorgestellt. Über zwanzig Spezialisten aus Wirtschaft und Wissenschaft haben an den fast vierhundert Seiten mitgeschrieben.

Das hat nicht verhindert, dass man sich in eine Sackgasse bewegte. Das zentrale Anliegen des Aktionsplans lautet: «Wir fordern, dass die Schweiz bis 2030 im Inland netto null Treibhausgasemissionen ohne Einplanung von Kompensationstechnologien verursacht.»

Warum ist das eine Sackgasse? Ein derart radikales Drosseln der Schweiz würde die weltweite Nachfrage nach fossiler Energie geringfügig verringern, was die Preise am Weltmarkt ein klein wenig sinken liesse und die anderen Konsumenten auf der Welt zu etwas mehr Verbrauch anregen würde. Das winzige Minus der kleinen Schweiz bei den Treibhausgas-Emissionen würde also blitzartig wettgemacht durch ein leichtes Aufdrehen in Amerika oder anderswo. Die Schweiz würde sich durch hohe Kosten quasi erwürgen, und der Einfluss auf die Treibhausgase wäre gleich null.

Diese Zusammenhänge beschrieb der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn vor über zehn Jahren unter dem griffigen Titel «Das grüne Paradoxon – Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik». Bis heute findet dies bei den Klimaaktivisten jedoch kein Gehör, obwohl sie sich sonst immer auf die Wissenschaft berufen. Da haben sie einen blinden Fleck. Ihnen genügt einfach das Pariser Abkommen von 2015, das die Vertragspartner zu länderweise festgelegten Reduktionen der Treibhausgasemissionen anhält, auch die Schweiz.

Aber Paris ist für die Länder nicht bindend. Wer sein Versprechen einhält, ist einfach gutmütig und der Dumme, die anderen profitieren. Paris heisst: Regeln brechen ist die Regel, das Abkommen ist gescheitert. Das muss sich auch der Bundesrat vor Augen halten, der für die Schweiz in Eigenregie eine Reduktion auf netto null bis 2050 versprochen hat.

Zwischendurch wendet Climatestrike im Dokument eine ökonomische Sprache an und plädiert für das Haftungsprinzip: «Wir fordern die Umsetzung des Verursacherprinzips: Diejenigen, welche die Treibhausgasemissionen und die Umweltverschmutzung verursachen und davon profitieren, sollen zur Verantwortung gezogen werden.»

Aber insgesamt dominiert die Befehls- und Verbotskultur: «Ab sofort keine neuen Investitionen, Kredite und Versicherungsdienstleistungen für Projekte und Unternehmen, die in fossilen Energien aktiv sind!» Finanzinstitute sollen ihre Finanzflüsse bis 2030 auf netto null bringen.

Die Ökonomie bietet wirksamere Ansätze, wenn die internationale Koordination der Treibhausgaspolitik das Ziel ist. Sinn und vor allem auch der amerikanische Ökonomie-Nobelpreis-Träger William Nordhaus sehen nur dann eine Möglichkeit für die weltweite Kooperation zum Verringern der Treibhausgase, wenn sich genügend Länder zu einem Klimaklub zusammenschliessen, der all jene, die draussen bleiben wollen, belasten kann.

Die Ökonomen schlagen vor, die CO2-Emissionen weltweit einheitlich mit einem Preis, einer Abgabe zu versehen, um die negativen Klimawirkungen etwas aufzuwiegen. Nach bisherigen Erkenntnissen könnte der verursachergerechte Preis in der Nähe von 40 Dollar pro Tonne liegen. Was heisst das für die Schweiz? Das zahlen wir heute schon. Das Land muss nicht noch zusätzlich zurückgebunden werden.

Freund oder Feind?

Wie vertragen sich Lockdown und Wirtschaft? Sind sie Freunde oder Feinde? Der Bundesrat hätte es gerne, wenn Gesundheitsschutz und Wohlergehen der Firmen in Harmonie wären, wenn er also nicht ungenehmen Zielkonflikten ausgesetzt wäre. Die Ökonomen der wissenschaftlichen Covid-Task-Force des Bundes haben dieses Bild wiederholt bestätigt: Ein entschlossenes Einschränken der Wirtschaft könne dieser später zugutekommen.

Aber soeben hat der Schweizerische Gewerbeverband eine Studie vorgestellt mit Währungsfonds-Daten aus gut 50 Ländern, die darauf hindeutet: Je weniger einschneidend die Einschränkungen und Shutdown-Massnahmen im Frühling waren, desto geringer war tendenziell der Wirtschaftseinbruch im betreffenden Land. Aus dieser Sicht gibt es einen Zielkonflikt – den ein Gewerbler wahrscheinlich viel eher sieht als öffentlich besoldete Ökonomen.

*Beat Gygi ist Mitglied der Chefredaktion der Weltwoche und verantwortet das Ressort Wirtschaft. Der obenstehende Leitartikel erschien zuerst in der Weltwoche vom 14. Januar 2021. Veröffentlichung nach freundlicher Genehmigung durch Beat Gygi.

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